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Station 9: Landschaftsgeschichte am "Gräser-Graben"

Heute finden wir hier nur noch eine winzige Waldlichtung mit einem kleinen Teich zu dem eine schmale Kastanienallee (kaum zwischen dem dichten Fichtenwald zu erkennen) führt. Vor 150 Jahren sah es hier noch ganz anders aus.

Hier lohnt es sich, über Veränderungen in der Landschaft nachzudenken.

Zeittafel zur Mortelgrunder Geschichte

Zeit Geschichte
1168 Salzfuhrleute finden dort, wo sich heute die Stadt Freiberg befindet, Silber. Das darauf folgende „Erste Berggeschrei“ lockt Siedler ins bisher unbewohnte Erzgebirge. Zu dieser Zeit entsteht auch die Bergstadt Sayda und rundherum beginnen Siedler mit der Rodung des Urwaldes. (Erste Rodungsperiode)
um 1200 Sayda entwickelt sich zu einer Stadt. Eine Stadtmauer wird gebaut. Vor allem Händler und Handwerker siedeln sich hier, an der "Alten Salzstraße", an.
um 1300 Im Mortelgrund wird eine Getreidemühle zur Versorgung der Stadt Sayda gebaut. Auf den Feldern wächst vor allem Hafer und Roggen. Die Bauern halten sich Schafe und Ziegen. Im Wald gab es noch Wild in Hülle und Fülle.
1420-1438 Die Hussitenkriege bringen Not und Elend ins Erzgebirge. Der Bergbau kommt zum Erliegen. Ein großer Stadtbrand vernichtet fast ganz Sayda. Da Sayda aber an einer wichtigen Handelsstraße liegt und viele Einwohner vom Handwerk und Handel leben, erholt sich die Region schnell.
1442 Neue Silberfunde am Schneeberg im Erzgebirge lösen das zweite, das "Große Berggeschrei“ aus, welches wieder viele neue Bergleute, Händler und Handwerker hierher lockt. Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Holz wächst stark an. (Zweite Rodungsperiode)
1443 Die Mortelmühle befindet sich im Besitz der Herren von Schönberg und alle Einwohner der Stadt Sayda und der umliegenden Dörfer werden gezwungen nur hier, in der Mortelmühle, ihr Getreide mahlen zu lassen. (Mahlzwang)
um 1500 Technische Erfindungen führen zu einem Aufschwung des Bergbaus. Das Erzgebirge, wird zum am dichtesten besiedelten Gebirge Europas. Hier im Mortelgrund entstehen neue Gruben. Eine Schmelzhütte wird gebaut. Der Mortelgrunder Bergbau blüht auf. Der Bergbau erfordert aber auch Unmengen an Holz, so dass die Wälder immer kleiner werden.
1559 Ein Feuer vernichtete in Sayda 200 Häuser und Scheunen. Den Flammen fielen auch das Rathaus, die Kirche und die Schule zum Opfer.
1560 Kurfürst August erlässt eine „Holzordnung“ um den Raubbau an den Wäldern zu verringern. Buchen, Tannen, Eschen, Ahorn und Ulme sind zu dieser Zeit schon fast verschwunden. Auch die Herren von Schönberg auf Sayda und Purschenstein lassen nichts unversucht, um maximalen Profit aus ihren Wäldern zu ziehen. Zu ihrem Besitz gehören hier im Mortelgrund auch die Mortelmühle, mehrere Bergwerke und fast alle Wälder. Sie zählen zu dieser Zeit zu den reichsten Edelleuten in Sachsen.
1590 Rund um den Mortelgrund gibt es fast keinen Wald mehr. Die Herrschaft betreibt im Großen Vorwerk eine große Schafzucht mit über 1000 Tieren.
um 1600 Ende des Bergsegens (Silber-Inflation) und Pest - Der Preis des Silbers verfällt aufgrund der immer besseren Verfahren zur Förderung und Verarbeitung im Erzgebirge und durch spanische Silberimporte aus Bolivien. Viele Gruben im Erzgebirge werden geschlossen, da sie unrentabel werden. In den Bergbaustädten leben viele Menschen auf engstem Raum. Das Wasser war durch Abwässer, die Luft durch schwefelhaltige Abgase verschmutzt. Krankheiten und Seuchen führen zu großer Not. 1598/99 wird Sayda und die umliegenden Dörfer von der Pest heimgesucht. Allein in Sayda sterben 950 Menschen.
1618-1648 Der Dreißigjährige Krieg beendet das „Silberne Zeitalter“ des Erzgebirges! Im Oktober 1634, wird die Stadt Sayda und ihre Burg durch kaiserliche Truppen völlig zerstört. Etwas später, im Jahre 1652, sind von den 175 Häusern in Sayda, nur noch 76 bewohnt. Die restlichen Häuser waren abgebrannt bzw. wüst gefallen. Jede Familie hat Tode zu beklagen! Der Wald hat sich wieder ausgebreitet, viele Felder liegen brach.
um 1650 Dritte Rodungsperiode - Aus Böhmen wird die protestantische Bevölkerung vertrieben. Hier im Erzgebirge finden die Exulanten Zuflucht. Neue Dörfer entstehen. Da die Landwirtschaft aufgrund des rauhen Klimas wenig ertragreich ist, bleibt vielen Menschen nur noch die Textilproduktion bzw. die Holzwaren- und Spielzeugherstellung um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Herstellung von Holzschindeln, Drechselarbeiten (Holzspielzeug) nehmen in dem Maße zu, wie der Bergbau an Bedeutung verliert. Das einheimische Holz wird immer noch für den Bergbau benötigt und ist knapp. Holz wird deshalb auch aus Böhmen eingeführt.
um 1700 Im Mortelgrund gibt es immer noch kaum Wald, dafür drei große landwirtschaftliche Güter und drei Mühlen, eine Mahlmühle, eine Walkmühle und eine Oelmühle. Immer wieder kommt es zu Kriegen: Im nordischen Krieg (1700-1721) zogen wieder schwedische Truppen entlang der Alten Salzstraße durchs Ost-Erzgebirge, im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) preußische und östereichisch/kroatische Truppen, in den napoleonischen Kriegen (1806-1813) schließlich Franzosen, Russen und Preußen. Immer wieder kommt es zu Plünderungen und Brandschatzungen.
1771/72 Große Hungersnot im Erzgebirge - Aufgrund sehr kalter und niederschlagsreicher Jahre und dadurch ausgelöster Getreidemissernten steigen die Getreidepreise. Getreide muss aus Böhmen und aus der Leipziger Region eingeführte werden.
1790 Purschensteiner Bauernaufstand - Die Herrschaft erhöht ständig die Abgaben. Ein „Kinder-Dienst-Zwang“ wird eingeführt und die Arbeitszeit des Zwanggesindes wird auf von früh um vier bis abends um zehn erhöht, obwohl nur zwölf Stunden erlaubt sind. Die Schaf-Trift und Schaf-Hutung auf den Feldern der Bauern wird ausgeweitet indem die Anzahl der Schafe im Großen Vorwerk auf 1600 erhöht wird! Dazu kommt noch eine Hungersnot aufgrund eines harten Winters und Hagelstürme. Die Bauern der Dörfer rund um Sayda ziehen gemeinsam zur Burg Purschenstein und fordern von der Herrschaft „Gerechtigkeit“. Der Aufstand wird niedergeschlagen.
1830 In Sachsen wird die Leibeigenschaft offiziell abgeschafft. (Dafür dürfen jetzt Steuern und Zinsen gezahlt werden.)
1844 Erfindung des Holzschliffes zur Papierherstellung. Dadurch steigt der Holzbedarf, jetzt vorallem zur Papierherstellung, wieder extrem an. Aufgrund des rauen Klimas hier im Gebirge gehen die Erträge in der Landwirtschaft dagegen immer mehr zurück. Die Herrschaft wendet sich deshalb immer stärker der Forstwirtschaft zu. Der heutige „Schwarze Busch“ hier im Mortelgrund, bis dahin Wiese, wird mit Fichten aufgeforstet. Die Mortelmühle wird von einer Mahlmühle zu einer Sägemühle umgebaut.
um 1890 Die Schafzucht im „Großen Vorwerk“ wird eingestellt. Drei große landwirtschaftliche Güter im Mortelgrund werden von der Herrschaft übernommen, abgerissen und die restlichen Felder mit Fichten aufgeforstet.
um 1950 Die Landwirtschaft im Mortelgrund wird endgültig aufgegeben.
2000 Der Heimatverein Mortelgrund wird gegründet. Mit dem Bau des Bergmännleinpfad und der Aufzucht einer kleinen Schafherde sowie dem experimentellen Anbau von traditionellen Nutzpflanzen wird begonnen, um an die Geschichte des Tales zu erinnern. Nach 20 Jahre Leerstand wird die Mortelmühle seit dem Jahr 2008 wieder bewohnt.